Das Aus für die Bild-Iphone-App?

Platz 17. Nach all der Zeit. Beachtlich. Noch immer rangiert auf diesem Rang die Iphone-App der “Bild”. Für viel Wirbel hat sich gemeinsam mit ihrer Schwester aus dem Hause “Welt” gesorgt. Weil sie einerseits recht häufig abstürzten in der Anfangsphase, andererseits durchaus kreative Ideen vorzeigten und vor allem das Zeitalter des Paid Content einläuten sollen. 79 Cent kosten die Progrämmchen, bald aber soll es monatliche Abo-Gebühren geben. Ein paar Wochen maximal wird es noch dauern.

Nur: Es könnte sein, dass die “Bild”-App dann gar nicht mehr im Itunes-Store zu finden sein wird.

Denn – natürlich – ist nackte Haut ein substanzieller Bestandteil von Deutschlands meistverkaufter Zeitung. Nicht nur in den Meldungen: App-Nutzer können per Iphone-Schütteln ein “Bild”-Mädchen Knopf um Knopf, Bluse um BH seiner Kleidung entledigen, begleitet von einem albern-künstlichen Giggeln.

Tja, und das schein mehr oder weniger ab sofort nicht mehr erlaubt, glauben wir dem Web-Branchendienst Techcrunch. Zwar hatte Apple bereits angekündigt, übermäßig erotische Apps bei Itunes auszuschließen. Doch dieses “übermäßig” ist anscheinend klösterlich zu interpretieren, schreibt Techcrunch:

“But we’re hearing from multiple developers that it actually meansanything that could be even the slightest bit titillating in any way — including swimsuits and fitness outfits. In short, if your app has skin, it will probably be rejected.”

Der betroffene Programmierer Jon Atherton, Erdenker von Wobble, hat ebenfalls mit Apple gesprochen und sieht künftig sechs Regeln für den Umgang mit nackter Haut bei Itunes:

1. Keine Bilder von Frauen in Bikinis (Eiskunstlauf-Trikots sind auch nicht OK).

2. Keine Bilder von Männern in Bikinis! (Ich habe nicht nach Eiskunstlauftrikots für Männer gefragt.)

3. Keine Haut (er sagte das ernsthaft) (Ich habe gefragt, ob eine Burqa OK wäre und der Apple-Typ wurde sauer).

4. Keine Silhouetten, die andeuten, Wobble könnte genutzt werden um Brüste zu wobbeln.

5. Keine sexuellen Anspielungen: boobs, babes, booty, sex – alles zensiert.

6. Nichts sexuell erregendes!!

7. Keine Appe mit irgendwie sexuell geartetem Inhalt wird zugelassen (bin nicht sicher, warum die “Playboy”-App noch im Store ist).

Möglicherweise will Apple hier einen Trend zu Billig-Erotik in den Anfängen aufhalten. Doch bei Geräten mit so leicht handhabbaren Jugendschutz-Einstellungen wie denen mit dem Apfel wirkt das ganze doch äußerst lächerlich, gestrig, albern.

No sex, please, we’re Apple.

Nun kann es sein, dass der Konzern bei der Zulassung von Apps mit zweierlei Maß misst. Große Anbieter von nackter Haut, wie “Playboy” oder “Bild”, lässt man machen – kleine nicht. Das könnte noch mal interessant werden, schaltet jemand die Wettbewerbshüter ein. Doch letztlich weiß auch Apple, dass Iphone und Ipad von den Armeen kleiner Programmierer leben, die schnell und flexibel ständig neue Ideen einbringen. Und deshalb scheint solch eine bigotte Zweiklassen-Gesellschaft auf Dauer nicht realistisch.

Sieht sich Steve Jobs also weiterhin päpstlichen Tugenden verpflichtet könnte die “Bild” ein großes Problem bekommen – genauso wie viele andere klassische Medienhäuser mit Iphone-Apps. Denn es geht ja eben nicht nur um giggelnd nackt geschüttelte Models, sondern auch um:

“Sexy Auftritt im Ösi-TV: Hier zeigt Julia Mancuso ihr Höschen”

“Lolita-Look: Britney Spears macht’s one more time”

“Star-Parfümkampagnen: So sexy mach Kim Kardashian Lust auf Duft”

Und solche boulevardesken Elemente hat ja nicht nur die “Bild”. Übrigens: Was ist eigentlich mit Schwimm-Wettbewerben? Keine Berichterstattung über Michael Phelps mehr?

Abgesehen von einer möglicherweise sinkenden Attraktivität für manchen Nutzer entsteht aber ein weiteres Problem: Der Meldungsfluss der “Bild” müsste künftig viel genauer durchsiebt werden. Handarbeit. Und Handarbeit ist teuer.

Behält Apple diesen Kurs bei dürfte es mächtig rauschen im Medienwald.

Nachtrag: Die Kommunikationsabteilung von Axel Springer hat sich gemeldet. Man habe das Thema auf dem Schirm, einen weiteren Kommentar gab es nur gegenüber Spiegel Online.

8 Responses to “Das Aus für die Bild-Iphone-App?”

  1. Damit verzichtet Apple potentiell auf mehr Profit als Google durch einen Rückzug aus China.

  2. immer noch interssant, diese amis.
    ballerspiele mit ziel: menschen töten sind ok (z.b. assasine). originalton phil schiller: thats really cool.
    bikini ist aber nicht ok.

  3. Aufgrund der Überschrift hätte ich eher vermutet, dass der ASV die Bild-App wegen Misserfolg einstellen will.

  4. So furchtbar erstaunlich ist das alles nicht. Mir scheint, Apple konkretisiert hier allenfalls Regeln, die es eh schon gab. Hat ja auch schon mal ein deutsches Medium getroffen: http://www.apfelnews.eu/2009/11/25/app-von-ster

  5. …siehe dazu auch auch den treffenden Joy-Of-Tech des Tages:

    http://www.geekculture.com/joyoftech/joyarchive

    // t

Trackbacks/Pingbacks

  1. Das Aus für die “Bild” Iphone-App? - 21.02.2010

    […] Ganz schön schwer, zwischen den drei Blogs zu jonglieren, für die ich schreibe. Doppelte Artikel möchte ich nicht, deshalb hier – weil ja der eine oder andere Medien-Interessierte hier mitliest – ein Hinweis auf Mind the App: Dort frage ich mich, ob Apple demnächst der Iphone-App der “Bild” das Licht ausbläst…. […]

  2. Weltenkreuzer: Wir brauchen eigentlich keine Staatszensur mehr - 21.02.2010

    […] Unternehmen, zu bestimmen, was die User zu sehen bekommen. Keine wirklich schöne Aussicht: Das Aus für die Bild-Iphone-App? | Mind the App!. « Warum geklaute Filme besser sind als […]

  3. Gedankenblasen » Blog Archiv » Ein Sack voll Links - 22. 2. 2010 - 22.02.2010

    […] Apple scheint bei den Apps, die es in seinem iPhone-App-Store aufnimmt, klassischen amerikanischen Puritanismus walten zu lassen. Ich bin nicht sicher, ob man sich mit diesem Vorgehen nicht langfristig selbst ins Knie schießt. Schließlich wissen wir alle, daß pornographische Inhalte ein wichtiger Einflußfaktor auf den Erfolg eines Mediums sind. Hier ein Artikel zum Thema bei Mind the App von Thomas Knüwer: Das Aus für die Bild-Iphone-App? […]