Süddeutsche Zeitung manipuliert App-Kritiken

Die “Süddeutsche Zeitung” ist für mich eine der unfassbarsten Angelegenheiten des deutschen Journalismus.

Einerseits hat sie die besten Autoren im Land, schreibt großartige Stücke, recherchiert eigene Storys.

Andererseits sieht sie aus wie in den 80ern stehen geblieben, steht sie auf der Offline-Seite der digitalen Spaltung und ihr Online-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs predigt Wasser, säuft aber Wein in Fassmengen.

In diese Kategorie fällt dann auch, was Upload da ausgegraben hat.

Für jene, die es nicht wissen – oder längst vergessen haben-, es gibt einen Dienst namens Trigami. Wer ein Blog betreibt und sich dort anmeldet, bekommt Ausschreibungen von Unternehmen. Diese legen nahe, sehr positiv über sie und ihre Produkte zu berichten. Wer dem folgt, bekommt ein wenig Geld.

Ich war nie ein Freund von Trigami und würde es aus Beratersicht meinen Kunden auch nicht empfehlen, dort aktiv zu werden. Meist sind die positiven Kritiken gerade so geschrieben, dass man merkt: Da stimmt was nicht. Wirklich angesehene Blogger werden dort auch ohnehin nicht mitmachen, was bleibt also sind die Links in den Artikeln.

Die “Süddeutsche Zeitung” nun hat seit einiger Zeit eine Iphone-App. Es ist der Standard, denn der deutsche Zeitungsverlag heutzutage halt so hat: Größtenteils besteht sie aus Ablaichungen vorhandener Inhalte, kreative, neue Anwendungen, die die Möglichkeiten des Iphones ausnutzen sucht der Nutzer vergeblich. Ja, es fehlen sogar Standards wie eine Push-Benachrichtigung bei Eilmeldungen.

Die Anwendung gibt es nun in einer Gratis-Version – die eröffnet wird mit einer nervigen Bettelei, der Nutzer möge die Premium-Version erwerben.

Das reicht aber anscheinend immer noch nicht, um genügend Menschen zum Kauf zu überreden. Weshalb die “SZ” Kunde bei Trigami geworden ist, wie Upload berichtet.

Unter anderem sollen die teilnehmenden Blogs darauf hinweisen, es sei ganz toll, dass die “Süddeutsche Zeitung” eine Meinung habe.

Na gut, die habe ich auch: Journalistische Institutionen, die Geld für Bestechung in die Hand nehmen, die versuchen, die öffentliche Meinung zu manipulieren, finde ich eklig. Weshalb ich vom Kauf der App abrate.

Nicht, dass sie überhaupt kaufenswert wäre.

6 Responses to “Süddeutsche Zeitung manipuliert App-Kritiken”

  1. Hätten sie mal jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt…

    Wobei ich jetzt Trigami nicht per se als Teufelszeug verurteilen würde. Habe da früher auch geschrieben und festgestellt, dass es zwei Arten von Aufträgen gibt. Die “Reviews” für die man durchaus ehrlich schreiben kann und die “Advertorials” die keine eigene Meinung dulden, sondern wirklich nur eine postive Beschreibung des Dienstes / Produkts sein sollen. Gibt ein Unternehmen den Auftrag zu “Reviews” seh ich das wenig problematisch. Dann können auch negative Aspekte in den Artikel. Gibt ein Unternehmen, wie die SZ, den Auftrag für “Advertorials” finde ich das auch extrem unpassend. Aber, um auf meinen ersten Satz zurück zu kommen, wahrscheinlich kennt sich da einfach niemand aus. Und das wiederum ist extrem schade.

    Über die App an sich muss man eigentlich wirklich nicht viel Worte verlieren. Setzen, sechs, nochmal von vorne.

  2. winterfreund 18.01.2010 at 09:26

    Nicht, dass ich diese Blog-Aktion toll fände, aber: Steht nicht über jedem dieser vier bei Upload verlinkten Trigami-Texte ANZEIGE drüber, Trigami-Anzeige? Und ist es nicht irgendwie üblich, dass Anzeigenkunden zumindest so eine Idee haben, was in ihrer Anzeige stehen soll?
    Son büschen übertrieben, da von Bestechung und Manipulation der öffentlichen Meinung zu sprechen, oder? Oder sehe nur ich als SZ-Mitarbeiter das so?

  3. Soweit ich weiß lautet das Angebot von Trigami an die Blogger: “Wir haben hier Kunden X, der würde dafür bezahlen, wenn ihr sein Produkt Y positiv besprecht. Wenn Dir nichts positives einfällt, musst Du auch nicht schreiben.” Wer also ein gutes Produkt angebote bekommt, das bespricht, da dann “Anzeige” dranschreibt und Geld dafür bekommt, hat IMHO seine Seele nicht unbedingt verkauft – wenn das Geld denn hilft, die nicht bezahlten Artikel zu verbessern. Ich finde auch die andere Seite nicht verwerflich. Transparenz ist alles.

  4. Die Kampangne für die Süddeutsche wurde von Trigami geliefert. Nachdem die Story über die Manipulation public geworden war, erfuhr man von der Süddeutschen: Man habe aus Versehen den falschen Tarif bei Trigami gewählt.

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  1. Die “Süddeutsche Zeitung” kauft sich Lob ein - 18.01.2010

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